Detail - Zukunftsblick

„Ein Update für die Kirche“

25. Januar 2019

"Unglaublich großen Mut und unglaube große Entschiedenheit" habe Papst Johannes XXIII. gekennzeichnet, so Msgr. Dr. Michael Bredeck. Seine Entscheidung, ein Konzil einzuberufen, habe er mit niemandem abgesprochen.

Interview mit Msgr. Dr. Michael Bredeck aus Anlass der Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils vor 60 Jahren

"Das Zweite Vatikanum als Konzil des Aggiornamento" lautet der Titel der Dissertation von Msgr. Dr. Michael Bredeck. Der Paderborner Geistliche ist ein Experte für dieses Ereignis, das heute vor 60 Jahren völlig überraschend von Papst Johannes XXIII. angekündigt worden. Als Leiter der Zentralabteilung Entwicklung begleitet Bredeck intensiv den vom Zukunftsbild initiierten Aufbruch im Erzbistum Paderborn, der sich als Beitrag zur Rezeption des Konzils versteht. Zu beiden Themen, Konzil und Zukunftsbild, äußert er sich im Interview.

Papst Johannes XXIII. war erst wenige Monate im Amt, als er völlig überraschend ein ökumenisches Konzil ankündigte. Was hat ihn dazu veranlasst?

Msgr. Dr. Bredeck: Zunächst muss man sagen, dass diese Ankündigung von unglaublich großem Mut und unglaublich großer Entschiedenheit zeugt. Papst Johannes hatte sich vorher mit niemandem abgesprochen. Er hat gesagt: Das Konzil findet statt, und er ist niemals von dieser Entscheidung abgerückt, obwohl die Reaktionen alles andere als ermutigend waren. Ihm war bewusst, dass die Kirche an der Schwelle einer neuen Epoche stand, und für diese Epoche wollte er die Kirche zurüsten. Er wollte nach den Zeichen der Zeit forschen und fragen, was diese für die Kirche und ihren Auftrag bedeuteten. Was man wissen muss: Für Papst Johannes war das Konzil der Wille Gottes. Er hätte es niemals als seine eigene Idee bezeichnet. Für ihn war klar, dass es sich um eine göttliche Inspiration gehandelt hat und dass der Heilige Geist Regie geführt hat.

Ein zentraler Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils lautet "Aggiornamento". Was heißt dieser Begriff für Sie?

Msgr. Dr. Bredeck: Aggiornamento lässt sich am besten mit einem englischen Wort übersetzen: Update. Und wenn man ein Update der Kirche will, dann will man, dass diese ihre Aufgabe passender zu der Zeit, in der sie gerade steht, erfüllen kann. Nun macht es aber keinen Sinn, ein solches Update, ein solches Aggiornamento nur einmal durchzuführen, oder nur einmal im Jahrhundert. Deshalb geht es bei dem Begriff letztlich um eine permanente Bereitschaft zum Lernen, um ein ständiges kritisches Hinterfragen des eigenen Wirkens.

Das Konzil ist inzwischen über 50 Jahre her, die Ankündigung genau 60 Jahre. Wo stehen wir mit der Umsetzung heute?

Msgr. Dr. Bredeck: Ich glaube, dass wir jetzt erst richtig zu verstehen beginnen, was diese Epochenschwelle war, an der Papst Johannes XIII. die Kirche damals sah. Das heißt zum Beispiel: Wir spüren jetzt erst richtig, was Pluralität und Säkularität für den Glauben und die Kirche an Herausforderung bedeuten. Als das Konzil in den 60er Jahren stattfand, hatte diese Entwicklung gerade erst begonnen, die Gesellschaft und auch die Kirche wirkten zumindest noch recht homogen. Das änderte sich dann schlagartig, als kurz nach dem Konzil die Kulturrevolution der 68er begann.

War das Konzil eine kirchliche 68er-Bewegung?

Msgr. Dr. Bredeck: Das sehe ich nicht so. Die Wurzeln des Konzils reichen Jahrzehnte zurück, es wurde unter anderem durch die Bibelbewegung und die liturgische Bewegung und die neue Theologie aus Frankreich vorbereitet. Die 68er-Bewegung hatte ganz andere Themen als das Konzil. Ihr ging es um Emanzipation, die Autoritätsfrage und auch um Sexualität... Es ist eine gewisse Tragik, dass die erste Rezeptionsphase des Konzils mit der Kulturrevolution der 68er-Bewegung zusammengefallen ist. Man hat kirchlicherseits versucht, sich davon abzugrenzen und hat damit das neue, positive Verhältnis von Kirche und Welt, das das Konzil vorangebracht hat, gleich wieder in Frage gestellt.

Gibt es einen Beschluss, einen Richtungsentscheid des Konzils, den Sie als den wichtigsten ansehen?

Msgr. Dr. Bredeck: Letztlich ist für mich das Konzil als Gesamtprozess der wichtigste "Richtungsentscheid", wenn man so will. Dass und wie es stattfand. Das Konzil hat seine Texte und Inhalte wirklich selbst formuliert, während es die vorbereiteten Schemata (Vorlagen) fast gänzlich abgelehnt hat. Stattdessen haben die Konzilsväter ihr Vertrauen den Theologen geschenkt, die in den Zeiträumen zwischen den Sitzungsperioden die Inhalte und Texte neu erarbeitet haben. Das war eine unglaubliche Innovation, die da stattgefunden hat. Natürlich gibt es auch zahlreiche wichtige Einzelentscheidungen, die für mich wichtig sind. Zum Beispiel die Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum, zu den nichtchristlichen Religionen und zu den anderen Konfessionen.

Ohne das II. Vatikanische Konzil ist das Zukunftsbild im Erzbistum Paderborn nicht denkbar, das in diesem Jahr seinen 5. Geburtstag feiern kann. Wie würden Sie das grundsätzliche Verhältnis der beiden beschreiben?

Msgr. Dr. Bredeck: Das hat Erzbischof Hans-Josef Becker in seinem Vorwort zum Zukunftsbild beschrieben. Dort steht: "Was im Zukunftsbild steht, ist theologisch verantwortet und pastoral ausgerichtet. Damit steht es in der Spur des grundsätzlichen Anliegens des Zweiten Vatikanischen Konzils, zu dessen Rezeption auf Bistumsebene dieses Zukunftsbild einen wichtigen Beitrag leistet." Ich würde es so formulieren: Das Zukunftsbild ist der Versuch, auf der Basis des II. Vatikanums und auf Basis der Erfahrungen, die in den 50 Jahren danach gemacht wurden, einen Entwicklungsprozess für das Erzbistum Paderborn in Gang zu setzen.

Stark beeinflusst hat das Zukunftsbild vor allem die Wesensbestimmung von Kirche als "Zeichen und Werkzeug für die innerste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (LG 1)...

Msgr. Dr. Bredeck: Ja, genau. Für mich ist diese Wesensbestimmung ein kritischer Impuls, der uns im Erzbistum Paderborn zu ständiger Selbstreflexion aufruft: Erfüllen wir diesen Auftrag? Damit uns das gelingt, brauchen wir möglichst viele Menschen, die für sich sagen: Ich möchte ein Zeichen sein, mein Handeln soll auf die Liebe Gottes zu uns hin durchsichtig sein. Dafür steht das Wort Taufberufung. Und dann können sogar Konflikte oder schwierige Prozesse wie das Zusammenwachsen von Gemeinden zu einem Zeichen werden. Was in diesem Zusammenhang wichtig ist: dass die gesamte Kirche eben ein Zeichen ist. Sie ist nicht selbst das Licht, sie ist ein Zeichen für das Licht. Leider beschäftigen wir uns viel zu viel mit der Kirche und viel zu wenig mit Gott und dem Glauben an ihn. Ich habe dafür Verständnis, weil die gesamte kirchliche Organisation mit all ihren Abläufen verändert werden muss, aber der Schwerpunkt muss auf der Gottesfrage, auf der Evangelisierung, liegen.

Gibt es weitere Gedanken oder Beschlüsse des Konzils, die maßgeblich auf das Zukunftsbild eingewirkt haben?

Msgr. Dr. Bredeck: Da würde ich die Grundhaltung von Begegnung und Gespräch nennen, die sich in allen Konzilsdokumenten findet und auch im Zukunftsbild fest verankert ist. Und dann die Bereitschaft, mit nicht-katholischen Akteuren zusammenzuwirken, was sich in unserem Zukunftsbild vor allem im Kapitel über die Pastoralen Räume findet. Aber das Entscheidende ist tatsächlich das Verständnis der Kirche als Zeichen und Werkzeug für die Liebe Gottes zu allen Menschen.

Weitere Informationen:

Ein Konzil für eine neue Menschheitsepoche: Hintergründe zur Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils

Als der Papst ein Konzil ankündigte: Drei Zeitzeugen aus dem Erzbistum Paderborn berichten


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