Detail - Zukunftsblick

Weihnachten mit Inhaftierten

22. Dezember 2017

Kerstin Höltkemeyer-Schwick (Mitte) - Leiterin der JVA Bielefeld-Senne - setzt auf die wichtige Rolle der Gefängnis-Seelsorger Daniela Bröckl und Mirko Wiedeking.

Die katholischen Gefängnisseelsorger Daniela Bröckl und Mirko Wiedeking in der Kapelle der Haftanstalt Senne.

Weihnachten ist für die Gefängnis-Seelsorger der JVA Bielefeld-Senne zugleich eine besondere Herausforderung als auch eine tiefe Erfüllung ihrer seelsorgerischen Aufgabe

Weihnachten ist für die Gefängnis-Seelsorger der JVA Bielefeld-Senne zugleich eine besondere Herausforderung als auch eine tiefe Erfüllung ihrer seelsorgerischen Aufgabe. Während Diplomtheologin Daniela Bröckl in der Haftanstalt Senne nach siebenjähriger Tätigkeit das Fazit zieht „Es geht gefühlsmäßig gar nicht, Weihnachten nicht hier zu sein“, wartet auf Mirko Wiedeking die Premiere als neuer Seelsorger in der Haftanstalt Ummeln. Beide freuen sich – gemeinsam mit ihren beiden evangelischen Kollegen – auch auf die ökumenischen Gottesdienste am Heiligen Abend.

„Die Menschen sind uns wichtig“, betont Daniela Bröckl, die schon in der Adventszeit Andachten mit den Gefangenen gefeiert hat. Flair und Atmosphäre sind ihr dabei ganz wichtig, um einen familiären Rahmen zu schaffen. Lichter in Form von Kerzen spielen in ihrer Symbolik in der kleinen Kirche - einem umfunktionierten Saal - eine große Rolle. „Der Tisch muss ordentlich und schick gedeckt sein, wenn wir dann Heilig Abend nach der Wortgottesfeier gemeinsam Kaffeetrinken“, will Bröckl die Gefangenen ein Stück aus dem Vollzugsalltag herausholen. So sind die Inhaftierten – in der „Senne“ eher Lebensältere – auch bei der Vorbereitung stark eingebunden. „Die Aktionen sind bei den Gefangenen, die sie schon mal miterleben durften, immer wieder sehr gefragt.“

„Die Menschen, die im offenen Vollzug leben, arbeiten größtenteils außerhalb des Gefängnisses und haben durch die unterschiedlichen Lockerungsstufen die Möglichkeit zwischen 5 und 20 Stunden pro Woche nach „draußen“ zu gehen bzw. nach einer bestimmten Zeit in Urlaub zu gehen. Das scheint auf den ersten Blick eine große Erleichterung der Haft zu sein, bringt aber auch andere Problematiken als der geschlossene Vollzug mit sich: das ständige Hin- und Hergerissen sein zwischen der Welt draußen und drinnen; Freude auf zuhause, gleichzeitig immer nur auf „Besuch“ zu sein und die damit verbundene permanente Abschiedsstimmung; das Gefühl des Alleinseins, wenn keiner „draußen“ wartet oder zu Besuch kommt. So ist es für mich als Seelsorgerin wichtig, in diesen Situationen den Menschen als Gesprächspartnerin in einem geschützten Raum mit Wahrung des Seelsorgegeheimnisses zur Verfügung zu stehen, sie zu unterstützen und zu begleiten“, umschreibt Daniela Bröckl ihre Aufgabe, die zu den besinnlichen Weihnachtstagen nochmals wichtiger wird.

„Gefängnis-Seelsorge hat eine wichtige Rolle im Vollzug, da sie außerhalb der Hierarchie steht. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger haben einen anderen Zugang zu den Inhaftierten als andere Fachdienste“, schätzt Kerstin Höltkemeyer-Schwick, Leiterin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Senne, die Mitarbeit der Gefängnis-Seelsorge sehr. Es sei ganz wichtig, dass es da jemand für die Inhaftierten gäbe, dem man sich anvertrauen könne, der nicht zum eigentlichen Personal der JVA gehöre.

In der JVA „Ummeln“ wartet auf Mirko Wiedeking ein anderes Klientel: mehr Gefangene sowie Männer und Frauen. Deshalb wird es zu Weihnachten auch gleich drei Wortgottesfeiern geben: am Heiligen Abend um 15.30 Uhr für die Männer, dann um 17 Uhr in der Zugangsabteilung und am Vormittag des 1. Weihnachtstags für die weiblichen Inhaftierten. „Die Lichter haben auch hier bei den Adventsgottesdiensten eine große Bedeutung“, weiß Wiedeking und blickt besonders auf die Fürbitten, bei denen die Gefangenen jeweils ein Licht in den Altarraum mitgebracht hatten.

Wichtig sei es, dass in den Wortgottesfeiern in der JVA den Gefangenen vermittelt wird, dass hier das gleiche passiere wie in den Gemeinden. „Inhaftierte bleiben Menschen, egal was sie getan haben. Deshalb feiern wir mit ihnen normal“, so Wiedeking. Und Daniela Bröckl ergänzt: „Gott ist Mensch geworden. Er ist mit uns Menschen auf Augenhöhe – egal, was für ein Mensch es ist.“ Für die Wortgottesfeiern, zu denen an Weihnachten im Durchschnitt 40 Inhaftierte kommen, haben sie bekannte Lieder ausgewählt, die alle mitsingen können. Seelsorge zu Weihnachten hat aber auch Parallelen mit den Aufgaben im ganzen Jahr. Es gelte nicht zu überfordern, aber auch nicht zu unterfordern.

Darin sieht Mirko Wiedeking für seine Premiere in der JVA Ummeln auch eine persönliche Herausforderung. „Ich bin noch auf der Suche nach der Sprache, die bei allen ankommt, um das Evangelium zu verkünden und verständlich zu machen. Gerade zu Weihnachten soll die Botschaft ‚Gott ist Mensch geworden‘ richtig bei den Inhaftierten ankommen.“ Der junge Seelsorger will begleiten, ohne ein Problemlöser zu sein: zuhören, mitgehen, begleiten.

Die Anliegen und Gefühle der Gottesdienstbesucher sind genauso „bunt gemischt“ wie in den Gemeinden: Weil sie Besinnung suchen, weil es zu Weihnachten dazu gehört und U-Boot-Christen. „Zwei Gruppen sind zu Weihnachten in den Anstalten. Diejenigen, die keinen Freigang haben. Und diejenigen, die lieber hier sind, weil sie draußen keine Menschen haben und einsam wären“, freut sich Daniela Bröckl auf den „Weihnachtsgottesdienst mit Freunden“. „Mir würde etwas fehlen, wenn ich das nicht hätte. Es ist eingespielt und schon beinah wie eine Familie“, so Bröckl, die den Wert schon auf dem Rückweg von der JVA nach Hause beleuchtet: „Schon auf dem Heimweg bin ich von Dankbarkeit erfüllt, dass ich zu meiner Familie fahren kann. Das weiß ich an solchen Tagen besonders zu schätzen.“

Wenngleich Mirko Wiedeking in der JVA seine Premiere feiert, so ist die seelsorgerische Aufgabe aus der Gemeinde zu den Festtagen nicht unbekannt. „Für mich ist es ganz wichtig an Weihnachten hier in der JVA zu sein. Da will ich nicht Dienstleister sein, sondern ein Mitglied einer gemeinsamer Feier mit den Gefangenen.“

So wird die Bedeutung auch für die JVA-Leitung nochmals transparent. „Seelsorge hat es schon seit dem 16. und 17. Jahrhundert in unterschiedlicher Ausprägung gegeben. Es ist ein fester Bestandteil bei uns, der im Vollzugsalltag integriert ist. Für uns ist auch die Ethik ein wichtiges Thema, was jedoch generell im Vollzug noch nicht so implementiert ist wie z.B, in Krankenhäusern“, so Kerstin Höltkemeyer-Schwick

Hintergrund:
„Die Gefängnisseelsorge gehört zu den ursprünglichen Feldern des pastoralen Handelns der Kirche. Sie hat ihre Wurzel in den Gedanken an die Gefangenen in der Heiligen Schrift. Im Zentrum der messianischen Erwartung, wie sie in den Gottesknechtliedern des Propheten Jesaja zum Ausdruck kommt, steht die Befreiung der Gefangenen (vgl. Jes 42,7; 49,9). In seiner Predigt in Nazaret zu Beginn seines Wirkens erklärt Jesus die Verkündigung der Entlassung der Gefangenen zum Inhalt seiner Sendung (vgl. Lk 4,19). Die Erinnerung „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen“ gehört nach dem Hebräerbrief (Hebr 13,3) zu den Grundaufgaben der christlichen Gemeinde, mit einem Echo bis in das Vierte Hochgebet des Römischen Messbuchs, „den Armen verkündete er die Botschaft vom Heil, den Gefangenen Freiheit ...“.
Die Gefängnisseelsorge ist ein sensibles Feld des pastoralen Handelns der Kirche. Die Präsenz der Kirche im Justizvollzug will die Vermittlung der frohen Botschaft von der Befreiung leisten. Sie ist sich dabei der Verantwortung für den Rechtsstaat und der Loyalität ihm gegenüber bewusst.
Es gibt in Deutschland fast 200 Justizvollzugsanstalten. Mehr als 30 davon liegen in NRW. Für 17 Justizvollzugsanstalten des Landes NRW ist das Erzbistum Paderborn für die katholische Seelsorge verantwortlich. Bistumsweit begleiten 15 Seelsorger (Priester, Gemeindereferenten, Diakone und Diplomtheologen) die Inhaftierten und Bediensteten an den Justizvollzugsanstalten auf dem Gebiet des Erzbistums Paderborn.


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